Usher-Syndrom Typ 2A – Aufruf zum Usher Awareness Day
Wir nutzen den heutigen Usher Awareness Day am 19. September um auf eine Möglichkeit aufmerksam zu machen, die eigenen Erfahrungen mit dem Usher-Syndrom in eine internationale Befragung einzubringen.
Gesucht werden Menschen mit genetisch bestätigter USH2A-assoziierter Retinitis pigmentosa (Usher-Syndrom Typ 2A) sowie Angehörige, die einen Betroffenen im Alltag unterstützen.
In einem etwa 60-minütigen Online-Interview auf Deutsch sollen die Erfahrungen, Perspektiven und Bedürfnisse von Betroffenen und Angehörigen erfasst werden. Themen sind unter anderem der Weg zur Diagnose, genetische Untersuchungen, Überweisungen und die Betreuung durch Spezialisten, Verlaufskontrollen sowie bislang nicht ausreichend erfüllte Bedürfnisse.
Für die erfolgreiche Teilnahme wird eine Aufwandsentschädigung von 150 Euro gezahlt.
Gesucht werden:
- Menschen mit genetisch bestätigter USH2A-assoziierter Retinitis pigmentosa (Usher-Syndrom Typ 2A) im Alter von 18 bis 50 Jahren
- Angehörige ab 18 Jahren, die einen Menschen mit Usher-Syndrom Typ 2A im Alltag unterstützen
Die Teilnahme ist freiwillig. Eine konkrete Anmeldefrist wurde nicht genannt. Da nur eine begrenzte Zahl von Interviews vorgesehen ist, empfiehlt sich bei Interesse eine zeitnahe Registrierung. Die Studie wird neben Deutschland auch in den USA, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Spanien durchgeführt.
Registrierung für Betroffene:
Interesse an der Teilnahme anmelden
Registrierung für Angehörige:
Interesse an der Teilnahme anmelden
Retina plus e.V. unterstützt die Bekanntmachung dieser Befragung.
Gerade zum Usher Awareness Day möchten wir dazu beitragen, dass die Erfahrungen von Menschen mit Usher-Syndrom und ihren Angehörigen gehört und in zukünftige Forschung einbezogen werden.
Retina plus News zum Usher Awareness Day
Mehr zum Usher-Syndrom und zu den derzeit untersuchten Therapieansätzen lesen Sie in unserem ausführlichen Newsletter zum Usher Awareness Day 2026. Dort berichten wir unter anderem über Gentherapie bei USH1B, die RNA-Therapie Ultevursen bei USH2A sowie den gen-unabhängigen oralen Therapieansatz NPI-001/NACA.
Fachliche Ergänzungen zum Usher Awareness Day Newsletter
In unserem Newsletter informieren wir ausführlich über das Usher-Syndrom und aktuelle Entwicklungen in der Therapieforschung. Ergänzend möchten wir einige wissenschaftliche Aspekte genauer beleuchten und damit an einzelnen Stellen noch etwas tiefer in die Usher-Forschung einsteigen.
Die fachlichen Hinweise dazu stammen von Prof. Dr. Uwe Wolfrum von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der seit vielen Jahren die zellulären und molekularen Grundlagen des Usher-Syndroms erforscht.
Dabei zeigt sich einmal mehr: Mit neuen Erkenntnissen aus Genetik und Zellbiologie entwickelt sich auch unser Verständnis des Usher-Syndroms weiter. Das betrifft die Einteilung der Erkrankung ebenso wie die Frage, welche Zellen der Netzhaut an den Krankheitsprozessen beteiligt sind und welche Wege für zukünftige Therapien untersucht werden.
Drei Usher-Typen – und möglicherweise eine weitere Form
Traditionell wird das Usher-Syndrom anhand des klinischen Erscheinungsbildes in die drei Typen USH1, USH2 und USH3 eingeteilt. Diese Einteilung orientiert sich unter anderem an Beginn und Ausprägung der Hörbeeinträchtigung, einer möglichen Beteiligung des Gleichgewichtssinns und dem Auftreten der Netzhautdegeneration.
Mit den Fortschritten in der Genetik wird diese klassische Einteilung jedoch zunehmend differenzierter. In Fachkreisen wird beispielsweise diskutiert, ob eine mit Veränderungen im ARSG-Gen verbundene Erkrankungsform als weiterer Usher-Typ einzuordnen ist.
Das Beispiel zeigt, dass die klinische Einteilung und die genetische Charakterisierung des Usher-Syndroms nicht immer deckungsgleich sind. Gerade für die Forschung und die Entwicklung gezielter Therapien gewinnt deshalb die genaue genetische Diagnose weiter an Bedeutung.
Beim Usher-Syndrom geht es nicht nur um die Photorezeptoren
Wenn wir über die Retinitis pigmentosa beim Usher-Syndrom sprechen, stehen meist die Photorezeptoren, also Stäbchen und Zapfen, im Mittelpunkt. Schließlich führt ihr fortschreitender Funktionsverlust letztlich zu Nachtblindheit, Gesichtsfeldeinschränkungen und weiteren Sehbeeinträchtigungen.
Für das Verständnis der zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen reicht der Blick auf die Photorezeptoren allein jedoch nicht aus.
Es mehren sich Hinweise darauf, dass bei mehreren Usher-Formen – insbesondere USH1C, USH1D und USH3A – primäre krankheitsbedingte Veränderungen auch die Müller-Gliazellen betreffen können. Diese Zellen durchziehen große Teile der Netzhaut und übernehmen zahlreiche unterstützende Funktionen für andere Netzhautzellen.
Auch beim Usher-Syndrom Typ 1B ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Zelltypen von Bedeutung. Das vom MYO7A-Gen codierte Protein spielt nicht nur in Zusammenhang mit den Photorezeptoren eine Rolle, sondern erfüllt wichtige Aufgaben im retinalen Pigmentepithel (RPE). Dieses unterstützt wiederum entscheidende Funktionen der Photorezeptoren und trägt zu deren Erhalt bei.
Damit wird deutlich: Die Netzhaut ist ein hochkomplexes Gewebe, in dem unterschiedliche Zelltypen eng zusammenarbeiten. Störungen in einem Teil dieses Systems können sich auf andere Zellen auswirken und schließlich zur Degeneration der Netzhaut beitragen. Für die Forschung bedeutet dies, dass nicht nur die Photorezeptoren selbst betrachtet werden müssen, sondern zunehmend die Netzhaut als funktionelles Zusammenspiel verschiedener Zelltypen.
USH1B: Mehrere Wege für ein besonders großes Gen
In unserem Newsletter berichten wir über AAVB-081 und die Phase-1/2-Studie LUCE-1 zur Gentherapie bei Usher Typ 1B.
Eine besondere Herausforderung besteht dabei in der Größe des MYO7A-Gens. Es ist zu groß, um seine vollständige kodierende Sequenz mit einem einzelnen der häufig für Gentherapien eingesetzten AAV-Vektoren zu transportieren.
AAVB-081 verfolgt deshalb einen Dual-AAV-Ansatz: Die genetische Information wird auf zwei Vektoren verteilt und in die Zielzellen eingebracht.
Dieser Ansatz ist jedoch nicht der einzige Weg, der für MYO7A untersucht wird. Weitere Dual-AAV-Vektorsysteme befinden sich in der präklinischen Forschung. Daneben werden lentivirale Vektoren untersucht. Sie verfügen über eine größere Aufnahmekapazität und können die gesamte kodierende Sequenz von MYO7A aufnehmen.
Damit werden unterschiedliche Strategien verfolgt, um eine der zentralen technischen Herausforderungen einer Gentherapie für USH1B zu lösen.
USH1C: Eine „Retina in a dish“
Wie lassen sich die Krankheitsmechanismen des Usher-Syndroms untersuchen, wenn man die menschliche Netzhaut nicht einfach für Forschungszwecke entnehmen kann?
Eine wichtige Möglichkeit bieten humane retinale Organoide. Vereinfacht lassen sie sich als eine Art „Retina in a dish“ – eine Netzhaut in der Kulturschale – beschreiben.
Aus Hautbiopsien oder Blutzellen von Patientinnen und Patienten können zunächst sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen hergestellt werden. Diese lassen sich im Labor wiederum so weiterentwickeln, dass dreidimensionale Strukturen mit verschiedenen Zelltypen der menschlichen Netzhaut entstehen.
Der besondere Vorteil: Die daraus entstehenden Netzhautzellen tragen die genetischen Veränderungen der jeweiligen Patientinnen und Patienten.
Forschende können deshalb an diesen Modellen untersuchen, welche zellulären und molekularen Mechanismen zur Degeneration der Netzhaut beitragen. Gleichzeitig können retinale Organoide dazu dienen, mögliche Therapieansätze experimentell zu erproben.
In der Mainzer Forschung zu USH1C werden solche humanen retinalen Organoide eingesetzt. Ergänzend steht ein humanisiertes USH1C-Schweine-Großtiermodell zur Verfügung. Die Arbeiten erfolgen unter anderem in enger Zusammenarbeit von Prof. Dr. Uwe Wolfrum und Dr. Kerstin Nagel-Wolfrum.
Die Kombination verschiedener Forschungsmodelle ist von besonderer Bedeutung. Zell- und Organoidmodelle erlauben detaillierte Untersuchungen menschlicher Krankheitsmechanismen. Großtiermodelle können zusätzliche Erkenntnisse darüber liefern, wie sich ein Therapieansatz in einem komplexen Organismus verhält.
Beides sind wichtige Schritte auf dem langen Weg von der Grundlagenforschung zu einer möglichen klinischen Anwendung.
Von der Krankheitsursache zur möglichen Therapie
Die Beispiele zeigen, wie eng Grundlagenforschung und Therapieentwicklung beim Usher-Syndrom miteinander verbunden sind.
Bevor eine neue Therapie klinisch untersucht werden kann, muss möglichst genau verstanden werden, was eine genetische Veränderung in den verschiedenen Zellen bewirkt, welche Prozesse zur Degeneration der Netzhaut beitragen und an welcher Stelle sich möglicherweise therapeutisch eingreifen lässt.
Dabei wird das Bild zunehmend differenzierter: Nicht bei jeder Usher-Form müssen dieselben Zelltypen und Mechanismen im Vordergrund stehen. Gleichzeitig stellen unterschiedliche Usher-Gene die Therapieentwicklung vor unterschiedliche Herausforderungen – wie das besonders große MYO7A-Gen bei USH1B zeigt.
Genetische Diagnostik, molekulare Grundlagenforschung, retinale Organoide, Tiermodelle und klinische Studien sind deshalb keine voneinander getrennten Forschungswelten. Sie bauen aufeinander auf und ergänzen sich.
Gerade für Patientinnen und Patienten ist diese Unterscheidung wichtig: Eine vielversprechende Entwicklung im Labor ist noch keine Therapie. Sie kann aber ein notwendiger Schritt auf dem Weg dorthin sein.
Wir danken Prof. Dr. Uwe Wolfrum für die fachlichen Hinweise und Präzisierungen zu unserem Beitrag anlässlich des Usher Awareness Day 2026.
