Forschungsupdate: Von Gentherapie und RNA-Medikamenten bis zum Netzhautimplantat
In der Netzhautforschung laufen derzeit zahlreiche Projekte – von neuen Medikamenten über Gen- und RNA-Therapien bis zu Netzhautimplantaten. Retina International hat in seinem wissenschaftlichen Sommer-Update 2026 aktuelle Entwicklungen zusammengestellt. Wir greifen einige besonders interessante Projekte auf.
USH2A-Retinitis-pigmentosa: LUNA-Studie vollständig rekrutiert
Die Phase-IIb-Studie LUNA mit dem experimentellen Wirkstoff Ultevursen hat die Aufnahme von Teilnehmern abgeschlossen. Die RNA-Therapie richtet sich an Menschen mit Retinitis pigmentosa aufgrund bestimmter Veränderungen in Exon 13 des USH2A-Gens.
Ultevursen soll beeinflussen, wie die genetische Information bei der Herstellung eines wichtigen Proteins verarbeitet wird. Die Studie ist randomisiert und doppelt verblindet und verfügt über eine Kontrollgruppe mit Scheinbehandlung.
Entscheidend ist: Ergebnisse zur Wirksamkeit liegen noch nicht vor. Der Abschluss der Rekrutierung ist ein wichtiger Schritt, aber noch kein Nachweis, dass die Behandlung das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen kann.
Geografische Atrophie: Neue Phase-II-Studie
Bei geografischer Atrophie infolge einer altersbedingten Makuladegeneration untersucht eine internationale Phase-II-Studie den experimentellen Wirkstoff FWY003.
Geplant sind 272 Teilnehmer. Unterschiedliche Dosierungen werden mit einem Placebo verglichen. Untersucht werden Sicherheit und mögliche Wirksamkeit.
Für Patienten in Deutschland ist die Studie besonders interessant: Nach aktuellem Registerstand beteiligen sich auch deutsche Studienzentren. Ergebnisse liegen noch nicht vor.
Feuchte AMD: EMA-Ausschuss empfiehlt Susvimo
Bei der feuchten altersbedingten Makuladegeneration könnte sich eine weitere Behandlungsmöglichkeit ergeben. Der Arzneimittelausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA hat im Juli 2026 eine positive Zulassungsempfehlung für Susvimo ausgesprochen.
Susvimo ist ein kleines Implantat im Auge, das kontinuierlich Ranibizumab abgibt. Der Wirkstoff ist aus der Behandlung der feuchten AMD bereits bekannt. Das Implantat wird in größeren Abständen nachgefüllt und könnte damit die Zahl der notwendigen Behandlungstermine reduzieren.
Die positive Empfehlung ist ein wichtiger regulatorischer Schritt. Sie ist aber noch nicht mit der endgültigen EU-Zulassung gleichzusetzen.
PRIMA: Netzhautimplantat erhält CE-Kennzeichnung
Einen anderen Ansatz verfolgt das PRIMA-System von Science Corporation. Dabei wird ein kleines elektronisches Implantat unter die Netzhaut eingesetzt. Eine spezielle Brille mit Kamera überträgt Bildinformationen an das Implantat.
Das System richtet sich an Menschen mit schwerem zentralem Sehverlust durch geografische Atrophie. Im Juli 2026 erhielt PRIMA die CE-Kennzeichnung für Europa.
Das ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur medizinischen Anwendung. Die CE-Kennzeichnung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass PRIMA bereits flächendeckend verfügbar ist oder die Kosten in Deutschland von den Krankenkassen übernommen werden.
Kann sich die menschliche Netzhaut eines Tages selbst reparieren?
Ein langfristiges Forschungsziel ist die Regeneration geschädigter Netzhautzellen. Bestimmte Fische besitzen eine Fähigkeit, die Menschen fehlt: Nach einer Schädigung können sie verlorene Netzhautzellen ersetzen.
Forscher untersuchen deshalb die Gene und Signalwege, die diese Regeneration ermöglichen. Die Hoffnung ist, daraus eines Tages Strategien für Säugetiere und möglicherweise den Menschen abzuleiten.
Davon ist die Medizin allerdings noch weit entfernt. Solche Untersuchungen gehören zur Grundlagenforschung und liefern derzeit keine Behandlungsmöglichkeit für Patienten.
Warum dieselbe Genveränderung unterschiedlich wirken kann
Auch die Genetik erblicher Netzhauterkrankungen erweist sich als komplexer als lange angenommen. Menschen mit derselben krankheitsverursachenden Genvariante können unterschiedlich stark betroffen sein.
Eine mögliche Erklärung sind zusätzliche genetische Faktoren, die den Krankheitsverlauf beeinflussen. Diese sogenannten Modifikatoren könnten mitbestimmen, wann eine Erkrankung beginnt und wie schnell sie fortschreitet.
Solche Erkenntnisse sind für die genetische Beratung und langfristig auch für die Entwicklung gezielter Therapien interessant. Sie zeigen zugleich, warum sich der individuelle Krankheitsverlauf allein aus einem einzelnen genetischen Befund häufig nicht exakt vorhersagen lässt.
Netzhaut kann Informationen länger verarbeiten als gedacht
Grundlagenforscher untersuchen außerdem, wie viel Informationsverarbeitung bereits in der Netzhaut stattfindet. Untersuchungen am Zebrafisch deuten darauf hin, dass bestimmte Netzhautzellen noch Aktivität zeigen, nachdem ein visueller Reiz bereits verschwunden ist.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Netzhaut visuelle Informationen komplexer verarbeitet, als es die vereinfachte Vorstellung eines reinen „Bildsensors“ vermuten lässt.
Auch hier gilt: Die Untersuchungen liefern neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des Sehens, haben derzeit aber keine unmittelbaren therapeutischen Konsequenzen.
Forschung reicht von ersten Experimenten bis zur Versorgung
Die aktuellen Projekte zeigen, wie breit die Netzhautforschung inzwischen aufgestellt ist. Gleichzeitig befinden sich die Ansätze in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien.
Eine Beobachtung im Tiermodell ist noch weit von einer Behandlung entfernt. Eine Phase-II-Studie soll erst klären, ob ein Ansatz ausreichend sicher ist und Hinweise auf Wirksamkeit liefert. Selbst positive Studienergebnisse bedeuten noch keine Zulassung.
Gerade bei Meldungen über neue Therapien lohnt sich deshalb immer der Blick darauf, in welcher Forschungsphase sich ein Projekt tatsächlich befindet.
Quellen
- Retina International / Dr. Ellen Moran, Retina International Scientific Newsletter – Summer 2026. Forschungsüberblick mit Meldungen zu klinischen Studien, Netzhautimplantaten und Grundlagenforschung.
- European Medicines Agency (EMA) – Susvimo (Ranibizumab), positive CHMP-Empfehlung vom Juli 2026. EMA: Susvimo
- Novartis – klinische Phase-II-Studie zu FWY003 bei geografischer Atrophie, NCT07441642. Informationen zur FWY003-Studie