Barrierefreiheit
Orientierung, Selbstständigkeit und Zugang zu Informationen sind für Menschen mit Sehverlust entscheidend. Auf dieser Seite bündeln wir, was Barrierefreiheit im Alltag, im öffentlichen Raum, im Gesundheitswesen und im digitalen Bereich konkret bedeutet.
1. Einstieg und Grundverständnis
1.1 Barrierefreiheit schafft Teilhabe
Barrieren überwinden. Teilhabe stärken.
Orientierung, Selbstständigkeit und Zugang zu Informationen sind für Menschen mit Sehverlust entscheidend. Retina plus setzt sich für eine barrierefreie Lebenswelt ein – im Alltag, im öffentlichen Raum, im Gesundheitswesen und im digitalen Bereich.
Barrierefreiheit bedeutet weit mehr als Rampen oder Aufzüge. Für Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit geht es oft um Kontraste, Beleuchtung, Orientierung, verständliche Informationen, akustische Signale oder die Möglichkeit, digitale Angebote überhaupt nutzen zu können. Viele Barrieren entstehen nicht absichtlich. Häufig werden die Bedürfnisse seheingeschränkter und blinder Menschen einfach nicht mitgedacht. Genau an dieser Stelle will Retina plus sensibilisieren, informieren und praktische Lösungen aufzeigen.
Jede Barriere ist eine zu viel
Sehverlust ist häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar. Viele Menschen sehen noch teilweise, erkennen aber Gesichter, Stufen, Beschilderungen oder Displays nur eingeschränkt. Andere orientieren sich mit einem Blindenlangstock oder nutzen technische Hilfsmittel. Was für Menschen ohne Seheinschränkung selbstverständlich erscheint, kann zur täglichen Herausforderung werden: eine schlecht beleuchtete Treppe, ein Touchscreen ohne Sprachausgabe, fehlende Kontraste, unverständliche Durchsagen oder ein E-Scooter mitten auf dem Gehweg.
Unser Engagement
Das Fördern von Inklusion und Barrierefreiheit gehört zu den Satzungszielen von Retina plus. Wir setzen uns dafür ein, Barrieren sichtbar zu machen, Menschen zu sensibilisieren, Selbstbestimmung zu stärken und technische sowie gesellschaftliche Lösungen zu fördern.
Barrieren überwinden. Teilhabe stärken. Retina plus setzt sich für eine barrierefreie Lebensumwelt ein. Gemeinsam fördern wir Orientierung, Selbstbestimmung und den Einsatz technischer Hilfsmittel – für eine Gesellschaft, in der Menschen mit Sehverlust selbstverständlich dazugehören.
Themen dieser Rubrik
In dieser Rubrik informieren wir über bauliche und digitale Barrierefreiheit, Barrieren im Alltag, Mobilität, Gesundheitswesen, Kultur, Tourismus, Veranstaltungen, Hilfsmittel, Krisenvorsorge, Checklisten und Möglichkeiten zum Mitmachen.
1.2 Warum Barrierefreiheit wichtig ist
Teilhabe beginnt mit Zugänglichkeit
Barrierefreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Für Menschen mit Sehverlust entscheiden Orientierung, Sicherheit, verständliche Informationen und zugängliche Umgebungen oft darüber, ob sie selbstständig am Alltag teilnehmen können.
Sehverlust hat viele Facetten
Nicht jeder Sehverlust bedeutet vollständige Blindheit. Menschen sehen zum Teil verschwommen, können kaum Kontraste erkennen, sind bei Sonnenlicht stark geblendet, reagieren langsamer, weil sie sich mit einem eingeschränkten Gesichtsfeld orientieren müssen oder haben Probleme beim Lesen, aufgrund eines Ausfalls (Skotom) in der Mitte des Gesichtsfelds. Manche Betroffene erkennen Gesichter nicht mehr zuverlässig, andere sehen Hindernisse, Personen oder Fahrzeuge erst sehr spät.
Teilhabe bedeutet Selbstbestimmung
Barrierefreiheit ermöglicht Menschen mit Sehverlust, selbstständig unterwegs zu sein, Informationen zu erhalten, digitale Angebote zu nutzen, Arzttermine wahrzunehmen, Kultur zu erleben, soziale Kontakte zu pflegen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Fehlende Barrierefreiheit führt dagegen häufig zu Unsicherheit und erhöhter Sturzgefahr, weniger Eigenständigkeit, Abhängigkeit von Dritten und schließlich sozialem Rückzug.
Das Zwei-Sinne-Prinzip
Ein wichtiger Bestandteil der Barrierefreiheit ist das sogenannte Zwei-Sinne-Prinzip: Informationen sollen über mindestens zwei Sinne wahrnehmbar sein. Ein Beispiel sind Ampeln mit Lichtsignal, akustischer Freigabe und Vibration.
Unser Appell
Barrierefreiheit schafft Selbstständigkeit und Selbstständigkeit bedeutet Lebensqualität. Retina plus setzt sich dafür ein, Barrieren sichtbar zu machen und Teilhabe aktiv mitzugestalten. Auch Sie können etwas tun: Melden Sie Mängel und weisen Sie Besitzerinnen und Besitzer von Ladengeschäften freundlich darauf hin, wenn z. B. Öffnungszeiten so klein geschrieben sind, dass sie ohne Hilfsmittel nicht gelesen werden können. Vor Ort in Ihrer Stadt/Ihrer Kommune haben Sie die Möglichkeit, die Behindertenbeauftragte oder den Behindertenbeauftragten zu kontaktieren sowie den Inklusionsbeirat zu informieren. Wer tiefer in die Themen einsteigen will, findet eine gute Übersicht und verständliche Erläuterungen auf den Seiten den Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): https://www.leitfadenbarrierefreiesbauen.de/handlungsfelder/grundwissen/b-verstehen-mit-kognitiven-einschraenkungen (öffnet in neuem Fenster).
1.3 Unsichtbare Behinderung: Leben mit Sehverlust
Wenn Einschränkungen nicht sofort sichtbar sind
Menschen, die selbst nicht betroffen sind, denken bei Sehbehinderung oft an Menschen, die mit einem weißen Langstock und/oder einer dunklen Brille unterwegs sind. Doch Sehverlust ist häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar. Viele Betroffene sehen noch teilweise, orientieren sich ohne sichtbare Hilfsmittel oder versuchen lange Zeit, Einschränkungen auszugleichen.
Zwischen „wenig sehen“ und „nichts sehen“
Menschen mit Sehbehinderung hören häufig Sätze wie: „Du siehst doch noch etwas“ oder „Das merkt man dir gar nicht an.“ Solche Aussagen können belastend sein, denn das sichere Bewegen und Orientieren außerhalb der eigenen Wohnung sowie das Lesen und Verarbeiten von Informationen kosten oft viel Kraft und Konzentration. Die Folgen sind Stress, Überforderung und psychische Belastungen. Hinzu kommt, dass Menschen mit Seheinschränkungen deutlich häufiger Stürzen ausgesetzt sind. Studien legen nahe, dass das Risiko zu stürzen etwa doppelt so hoch ist wie bei Menschen ohne Seheinschränkungen.
https://iovs.arvojournals.org/article.aspx?articleid=2164456 (öffnet in neuem Fenster)
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1730864/ (öffnet in neuem Fenster)
Nicht sehen zu können ist anstrengend
Viele Betroffene müssen ihre Umgebung sehr bewusst wahrnehmen. Geräusche, Kontraste, Licht, Bodenstrukturen und feste Orientierungspunkte spielen eine wichtige Rolle. Verändern sich diese, entsteht schnell Unsicherheit.
Unser Appell
Nicht jede Behinderung ist sofort erkennbar. Menschen mit Sehverlust brauchen Verständnis, Orientierung, Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn Sie einer Person begegnen, die unsicher oder desorientiert wirkt, fragen Sie höflich nach, ob Hilfe gewünscht wird. Seien Sie nicht verärgert, wenn die Hilfe nicht angenommen wird. Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit wirken manchmal nur deshalb desorientiert, weil sie sich sehr stark konzentrieren müssen.
1.4 Barrierefreiheit als Menschenrecht
Teilhabe darf nicht vom Sehvermögen abhängen
Barrierefreiheit ist mehr als eine technische oder gestalterische Aufgabe. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Menschen eigenständig leben, Informationen erhalten, mobil sein und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Die UN-Behindertenrechtskonvention
Mit der UN-Behindertenrechtskonvention haben viele Staaten (darunter Deutschland) anerkannt, dass Menschen mit Behinderungen ein Recht auf Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe haben. Das Deutsche Institut für Menschrechte beherbergt die zentrale, nationale Monitoring-Stelle zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) auf Bundesebene in Deutschland. Es bescheinigt Deutschland erhebliche Defizite. Weitere Informationen: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuelles/detail/menschenrechtsinstitut-bemaengelt-stagnation-bei-umsetzung-der-un-behindertenrechtskonvention-in-deutschland (öffnet in neuem Fenster)
Barrieren entstehen oft durch die Umgebung
Nicht die Behinderung allein schränkt Menschen ein. Häufig entstehen Probleme erst durch unzugängliche Gebäude, fehlende Orientierung, schlechte Kontraste, unverständliche Informationen, digitale Hürden oder fehlende Rücksichtnahme.
Nichts über uns ohne uns
Menschen mit Behinderungen sollten beteiligt, angehört und in Entscheidungen einbezogen werden. Viele Barrieren werden erst im Dialog mit den Betroffenen sichtbar.
Unser Appell
Barrierefreiheit ist kein Sonderwunsch, sondern ein Menschenrecht. Eine inklusive Gesellschaft entsteht dort, wo alle Menschen gleichberechtigt teilnehmen können. Wir fordern von den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, dass Strukturen (wie die der Förderschulen) überprüft und ggfs. abgebaut werden, rechtliche Lücken geschlossen und Barrierefreiheit und Inklusion wieder auf die Prioritätenliste gesetzt werden.
1.5 Warum Barrierefreiheit allen hilft
Gute Gestaltung nützt vielen Menschen
Barrierefreiheit wird häufig nur mit Behinderung verbunden. Tatsächlich profitieren viele Menschen von klarer Orientierung, verständlicher Kommunikation, guter Lesbarkeit und einfacher Bedienung.
Barrierefreiheit betrifft mehr Menschen als gedacht
Auch ältere Menschen, Familien mit Kinderwagen, Menschen mit vorübergehenden Einschränkungen, internationale Gäste, Reisende mit Gepäck, Ortsansässige mit Einkaufstaschen, Personen mit wenig digitaler Erfahrung oder Menschen in Stresssituationen profitieren von barrierefreien Angeboten.
„Design für Alle“
Das Konzept „Design für Alle“ verfolgt das Ziel, Produkte, Dienstleistungen und Umgebungen so zu gestalten, dass sie von möglichst vielen Menschen genutzt werden können – unabhängig von Alter, Einschränkung oder individueller Voraussetzung.
Unser Appell
Barrierefreiheit ist kein Sonderwunsch. Sie bedeutet bessere Nutzbarkeit, mehr Flexibilität und Komfort, einfache Orientierung, mehr Sicherheit und gesellschaftliche Offenheit. Eine barrierefreie Umgebung ist häufig schlichtweg die bessere Umgebung.
2. Barrieren im Alltag und bei der Mobilität
2.1 Wenn der Alltag zum Hindernislauf wird
Barrieren entstehen oft dort, wo andere sie nicht bemerken
Viele Menschen bewegen sich selbstverständlich durch ihren Alltag. Für Menschen mit Sehverlust kann derselbe Weg voller Hindernisse sein. Was für andere nur eine kleine Unordnung ist, kann die Orientierung erschweren, Unsicherheit auslösen oder gefährlich werden.
Der Tag der Müllabfuhr
Am Morgen stehen Mülltonnen, Sperrmüll, Kartons oder Fahrräder auf dem Gehweg. Für Menschen mit Sehverlust verändert sich plötzlich die gesamte Orientierung: Vertraute Wege sind blockiert, Leitlinien verschwinden, Hindernisse tauchen unerwartet auf.
Baustellen, Blendung und schlechte Beleuchtung
Baustellen, starke Blendung, spiegelnde Oberflächen, dunkle Eingänge oder schlecht beleuchtete Wege können die Orientierung erheblich erschweren.
Unser Appell
Selbstständigkeit beginnt oft mit einem freien Weg. Retina plus will Barrieren sichtbar machen und für Rücksicht im Alltag sensibilisieren. Als Haus- oder Wohnungseigentümer und als Mieter können Sie dafür sorgen, dass Mülltonnen nicht länger als nötig für die Abholung bereitstehen. Für Mitarbeitende der Müllabfuhr gilt: Halten Sie die Wege (soweit möglich) konsequent frei. Stellen Sie Behälter und Fahrzeuge niemals auf Leitsystemen ab. Stellen Sie die Tonnen zurück an die Hauswand. Für Mitarbeitende in den Städten und Gemeinden gilt ebenfalls: Weisen Sie die Beteiligten darauf hin, wenn die Abstellregeln für Mülltonnen nicht eingehalten werden. Führen Sie Schulungen für Mitarbeitende durch. So können Sie aktiv für Gefahren sensibilisieren. Die DIN 18040-3 (Barrierefreies Bauen im öffentlichen Raum) beschreibt, wie Gehwege beschaffen sein müssen, um Barrierefreiheit zu garantieren. Vorgeschrieben ist eine Begegnungsbreite von 1,80 Metern (empfohlen werden 2 Meter), damit zwei Rollstuhlnutzende oder Personen mit Kinderwagen aneinander vorbeikommen. Wenn Sie Fragen haben, kontaktieren Sie uns gern.
2.2 Blindenampeln und Zwei-Sinne-Prinzip
Sichere Orientierung im Straßenverkehr
Für viele Menschen ist das Überqueren einer Straße selbstverständlich. Menschen mit Sehverlust können Lichtsignale an Ampeln oft nicht sicher erkennen und sind auf zusätzliche Orientierungshilfen angewiesen.
Was ist eine Blindenampel?
Blindenampeln stellen zusätzlich zu visuellen Lichtsignalen akustische oder taktile Informationen bereit. Sie helfen, sichere Querungsstellen zu finden, die Freigabe zu erkennen und sich im Verkehr besser zu orientieren.
Das Zwei-Sinne-Prinzip
Informationen sollen über mindestens zwei Sinne wahrnehmbar sein: visuell, akustisch und tastbar. Dieses Prinzip ist auch bei Aufzügen, Fahrgastinformationen, Warnsystemen und digitalen Anwendungen wichtig. Bei einer Blindenampel, die visuell, akustisch und per Vibration Signale sendet, werden gleich drei Sinne angesprochen.
Orientierung beginnt vor der Ampel
Taktile Leitsysteme, Bordsteinkanten, kontrastreiche Gestaltung und freie Gehwege helfen, Ampeln und Querungsstellen zu finden.
Unser Appell
Mobilität bedeutet Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe. Öffentliche Räume sollten konsequent nach dem Zwei-Sinne-Prinzip gestaltet werden. Mehr Infos auf https://www.enableme.de/de/artikel/blindenampel-was-bedeuten-die-gerausche-an-den-ampelanlagen-10109 (öffnet in neuem Fenster).
Sind Blindenampeln defekt, melden Sie die Ausfälle beim zuständigen Betreiber. Städte und Kommunen haben jeweils eigene Meldesysteme, die Nutzerinnen und Nutzer telefonisch, per App oder über ein Onlineportal erreichen können.
2.3 Taktile Leitsysteme verstehen
Orientierung mit Rippen und Noppen
Taktile Leitsysteme helfen blinden und sehbehinderten Menschen, Wege zu finden, Gefahren zu erkennen, Querungsstellen aufzufinden und sich sicher im öffentlichen Raum zu orientieren.
Was sind taktile Leitsysteme?
Sie bestehen aus speziell gestalteten Bodenstrukturen, die mit dem Blindenlangstock, über die Füße oder durch Kontraste wahrgenommen werden können. Besonders wichtig sind sie an Bahnhöfen, Haltestellen, Kreuzungen, öffentlichen Gebäuden und großen Plätzen.
Die „Sprache“ der Leitsysteme
Rippenfelder dienen meist der Wegeführung und zeigen die Gehrichtungen an. Noppenfelder signalisieren Aufmerksamkeit, Richtungswechsel oder besondere Situationen wie Querungsstellen, Bahnsteigkanten oder Treppen.
Auffindefelder und Entscheidungsfelder
Diese Elemente helfen, wichtige Punkte zu finden, Wege zu wechseln oder sichere Querungen zu erkennen. An großen Kreuzungen oder Bahnhöfen sind sie besonders wichtig.
Wenn Leitsysteme blockiert werden
Abgestellte Fahrräder, E-Scooter, Werbeschilder, Mülltonnen oder Baustellen können Leitsysteme unbenutzbar machen. Für Menschen mit Sehverlust kann das gefährlich sein.
Unser Appell
Orientierung darf kein Zufall sein. Taktile Leitsysteme müssen fachgerecht geplant und von Anfang an bei Planern, Architekten, Behörden und weiteren Verkehrsteilnehmern stärker berücksichtigt werden. Das Ziel ist eine möglichst lückenlose und selbstverständliche Einbindung in die öffentliche Infrastruktur. Sind Leitsysteme implementiert, müssen diese konsequent freigehalten werden. Das kann durch z. B. durch Schulungen und Warnhinweise gefördert werden. Zusätzlich wäre die Aufnahme des Tatbestands „Blockieren eines Bodenleitsystems“ in den Bußgeldkatalog sinnvoll und wünschenswert. So hätten Polizistinnen und Polizisten und Mitarbeitende des Ordnungsamtes die Möglichkeit, höhere Verwarngelder auszustellen.
2.4 E-Scooter, Fahrräder und weitere Hindernisse
Wenn der Gehweg zum Hindernislauf wird
Für viele Menschen sind abgestellte Fahrräder oder E-Scooter kaum der Rede wert. Für Menschen mit Sehverlust können sie eine ernsthafte Gefahr werden.
Orientierung braucht freie Wege
Menschen mit Sehverlust orientieren sich an Leitlinien wie Bordsteinkanten, Hauswänden, Bodenstrukturen oder taktilen Leitsystemen. Werden diese blockiert, entstehen Unsicherheit und Sturzgefahren.
Typische Hindernisse
Problematisch sind abgestellte E-Scooter, Fahrräder auf Gehwegen, Werbeschilder, Mülltonnen, Baustellen oder Lieferfahrzeuge sowie (im Sommer) Gastromöbel.
Unser Appell
Bitte halten Sie Gehwege und Leitsysteme frei. Mit wenig Aufwand kann jede und jeder dazu beitragen, die Sicherheit für Menschen mit Sehverlust zu verbessern.
2.5 Touchscreens als neue Barrieren
Wenn Technik Menschen ausschließt
Touchscreens begegnen uns an Fahrkartenautomaten, Selbstbedienungskassen, Bankterminals, Bestellsystemen, Parkautomaten und bei PIN-Eingaben. Für Menschen mit Sehverlust können sie zur erheblichen Barriere werden.
Warum Touchscreens problematisch sein können
Viele Systeme setzen ausschließlich auf visuelle Bedienung. Probleme entstehen durch kleine Schrift, spiegelnde Displays, Blendung, schlechte Kontraste, komplizierte Menüs, kurze Anzeigezeiten oder fehlende Sprachausgabe.
Beispiele aus dem Alltag
Selbstbedienungskassen, Fahrkartenautomaten, Bestellterminals und Bezahlsysteme können Menschen ausschließen, wenn sie nicht über Sprachausgabe, Kontraste oder alternative Bedienwege verfügen.
Was barrierefreie Touchscreens brauchen
Gute Kontraste, ausreichend große Schriften, Sprachausgabe, blendfreie Displays, einfache Bedienung und alternative Bedienmöglichkeiten.
Unser Appell
Technischer Wandel bringt keinen echten gesellschaftlichen Gewinn, wenn er Menschen ausschließt. Fortschritt wird auch an sozialer Teilhabe gemessen, nicht nur an technologischer Innovation. Gute Gestaltung und smarte technische Lösungen denken Barrierefreiheit von Beginn an mit.
3. Bauliche Barrierefreiheit
3.1 Barrierefreies Bauen
Orientierung und Sicherheit im öffentlichen Raum
Gebäude, Wege und öffentliche Räume müssen so gestaltet sein, dass Menschen sie möglichst selbstständig und sicher nutzen können. Für Menschen mit Sehverlust spielen Orientierung, Kontraste, Beleuchtung, sichere Wegeführung und verständliche Strukturen eine zentrale Rolle.
Mehr als Rampen und Aufzüge
Bauliche Barrierefreiheit bedeutet nicht nur Rollstuhlgerechtigkeit. Auch sehbehinderte und blinde Menschen brauchen Leitsysteme, gute Beleuchtung, sichere Wege, deutliche Beschilderung und freie Bewegungsflächen.
Gute Planung
Barrierefreiheit funktioniert am besten, wenn sie bereits in Planung, Architektur und Gestaltung berücksichtigt wird. Nachträgliche Anpassungen sind oft aufwendig oder weniger wirksam.
Unser Appell
Teilhabe beginnt bei einer Umgebung, die Menschen nicht ausschließt. Barrierefreiheit schafft Sicherheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität. Bauliche Barrierefreiheit sollte ein Schwerpunkt in der Aus- und Weiterbildung von Planerinnen und Planern, Architektinnen und Architekten, Ingenieurinnen und Ingenieuren sein. Ein Barrierefrei-Konzept oder ein Barrierefrei-Nachweis als eigenständige Bauvorlage ist in vielen Bundesländern noch nicht zwingend vorgeschrieben. Das sollte geändert werden, denn dies bringt unter anderem Vorteile für Planungssicherheit und Bauqualität und es hilft, teure Fehler frühzeitig zu erkennen und teure Nachbesserungen zu vermeiden.
3.2 Kontraste und Orientierung
Warum Kontraste so wichtig sind
Viele Menschen mit Sehverlust sehen nicht vollständig schwarz oder verschwommen. Häufig bestehen die grössten Probleme darin, Unterschiede schlecht erkennen zu können. Fehlende Kontraste erschweren das Erkennen von Stufen, Türen, Beschilderungen, Wegen, Hindernissen oder Bedienelementen.
Was bedeutet Kontrast?
Kontrast beschreibt den Unterschied zwischen hell und dunkel, Vordergrund und Hintergrund, Farben, Formen oder Strukturen. Je stärker Elemente sich unterscheiden, desto besser sind sie erkennbar.
Probleme durch schlechte Kontraste
Schlecht erkennbare Treppen erhöhen die Sturzgefahr. Glastüren ohne Markierung werden zu spät wahrgenommen. Kleine Schriften und geringe Farbunterschiede erschweren das Lesen. Touchscreens mit schlechtem Kontrast werden unlesbar.
Unser Appell
Gute Kontraste sind kein Extra, sondern Voraussetzung für Teilhabe. Was gut sichtbar ist, schafft Sicherheit und Selbstständigkeit. Weisen Sie vor Ort darauf hin, wenn z. B. Glasflächen oder Treppen ohne Markierungen eine Gefahr darstellen. Im digitalen Raum sollte ein Barrierefreiheit-Modus oder Kontrast-Modus verfügbar sein. Ist dies nicht der Fall, lassen sich Browser mit den internen Einstellungen anpassen (Leseansicht, Reader) oder mit Add-ons wie Hoher Kontrast, Kontrastverstärkung oder Invertierte Farben nachrüsten.
3.3 Beleuchtung und Blendung
Wenn Licht zum Problem wird
Licht ist wichtig für Orientierung und Sicherheit. Für viele Menschen mit Sehverlust kann Beleuchtung jedoch zur Herausforderung werden.
Warum Blendung problematisch ist
Viele Augenerkrankungen führen zu erhöhter Blendempfindlichkeit. Direkte Sonneneinstrahlung, spiegelnde Oberflächen, grelle Lichtquellen, Hell-Dunkel-Wechsel oder reflektierende Displays können Orientierung kurzfristig unmöglich machen.
Gute Beleuchtung schafft Orientierung
Wichtig sind gleichmäßige Ausleuchtung, ausreichende Helligkeit, geringe Blendung, klare Kontraste und gut erkennbare Übergänge. Tipp: Etwas teurer als normale Schutzfolien fürs Smartphone oder Tablet sind matte Folien. Sie reduzieren Reflexionen, die z. B. durch das Umgebungslicht entstehen, und Fingerabdrücke. Bevorzugen Sie indirekte Lichtquellen und Leuchtmittel, die Dimmer-geeignet sind. Mit LED-Streifen lassen sich außerdem Wohnungsgegenstände wie Schränke oder Regale (Rückwand, Regalböden) indirekt ausleuchten.
Unser Appell
Gute Lichtverhältnisse schaffen Sicherheit, erleichtern Orientierung und ermöglichen Selbstständigkeit.
3.4 Normen und Standards
Warum Standards wichtig sind
Barrierefreiheit entsteht nicht zufällig. Regeln, Empfehlungen und Standards helfen, Orientierung zu verbessern, Sicherheit zu schaffen, Hindernisse zu vermeiden und Teilhabe zu ermöglichen.
Was bedeutet Barrierefreiheit?
Menschen sollen Angebote und Umgebungen möglichst selbstständig, sicher, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe nutzen können.
Normen allein reichen nicht
In Deutschland existieren verschiedene Normen und Empfehlungen zu Gebäuden, Bodenleitsystemen, Orientierung, Kontrasten, digitalen Anwendungen und Informationssystemen. Entscheidend ist jedoch, dass Barrierefreiheit praktisch umgesetzt wird.
Unser Appell
Teilhabe darf keine Ausnahme sein. Barrierefreiheit sollte verbindlich mitgedacht und als gesellschaftliche Verantwortung verstanden werden.
4. Digitale Barrierefreiheit
4.1 Was bedeutet digitale Barrierefreiheit?
Digitale Teilhabe für alle
Digitale Angebote sind aus dem Alltag kaum wegzudenken: Webseiten, Apps, Online-Banking, soziale Medien, Fahrkartenautomaten, Gesundheitsanwendungen oder digitale Formulare. Werden sie nicht barrierefrei gestaltet, entstehen neue Hürden.
Wie digitale Barrieren entstehen
Probleme entstehen durch kleine Schrift, schlechte Kontraste, unübersichtliche Navigation, fehlende Alternativtexte, unbeschriftete Buttons, komplizierte Sprache, automatisch startende Inhalte oder rein visuelle Informationen.
Screenreader und Sprachausgabe
Viele blinde Menschen nutzen Screenreader. Damit diese funktionieren, müssen Webseiten technisch korrekt aufgebaut sein: mit Überschriften, Alternativtexten, beschrifteten Elementen und logischen Reihenfolgen.
Unser Appell
Digitale Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Inklusion. Digitale Angebote sollten zugänglich, verständlich, sicher und selbstständig nutzbar sein. Auch wenn das BFSG Sie z. B. als Betreiber eines Onlineangebots nicht betrifft, sollten Sie darüber nachdenken, die erforderlichen Maßnahmen trotzdem umzusetzen. Zum einen geht man davon aus, dass die Maßnahmen das Ranking positiv beeinflussen (SEO), zum anderen gewöhnen sich Nutzerinnen und Nutzer an Standards bzw. an eine positiven Nutzungserfahrung, die sie irgendwann voraussetzen. Für eine freiwillige Nutzung gibt es also gute Argumente.
4.2 Barrierefreie Webseiten
Informationen müssen für alle zugänglich sein
Webseiten informieren, verbinden Menschen und ermöglichen Zugang zu Dienstleistungen und Wissen. Für Menschen mit Sehverlust werden sie zur Barriere, wenn Texte schlecht lesbar sind, Kontraste fehlen, Navigation unübersichtlich ist oder Inhalte nicht mit Hilfsmitteln genutzt werden können.
Was barrierefreie Webseiten auszeichnet
Wichtig sind gute Lesbarkeit, klare Struktur, Bedienbarkeit ohne Maus, Alternativtexte für Bilder, verständliche Formulare und flexible Darstellung. Die Tastaturnavigation (ohne Maus) ist nicht nur wichtig für stark seheingeschränkte und blinde Menschen. Shortcuts, die über die Tastatur ausgeführt werden, helfen z. B. auch Menschen mit motorischen Einschränkungen und Überlastungssyndromen beim Navigieren auf einer Website.
Verständliche Sprache hilft allen
Kurze Absätze, klare Formulierungen, erklärte Fachbegriffe und logische Überschriften erleichtern den Zugang.
Unser Appell
Informationen sollten für alle Menschen erreichbar sein – unabhängig vom Sehvermögen. Als Betreiber haben Sie die Möglichkeiten, ihre Website gegen Registrierung kostenfrei testen zu lassen. Diese automatisierten Tools entdecken bereits zahlreiche Hürden. Ohne Registrierung funktioniert die URL https://www.aktion-mensch.de/inklusion/barrierefreiheit/barrierefreie-website/wie-barrierefrei-ist-meine-website-test (öffnet in neuem Fenster) der Aktion Mensch, die eine gute Übersicht bietet.
4.3 Barrierefreie soziale Medien
Digitale Kommunikation für alle zugänglich machen
Soziale Medien sind stark visuell geprägt. Fotos, Grafiken, Videos, Storys und Animationen können Menschen mit Sehverlust ausschliessen, wenn Bildbeschreibungen, Untertitel, Kontraste oder verständliche Texte fehlen.
Praktische Massnahmen
Bilder beschreiben, Videos untertiteln, gute Kontraste nutzen, einfache Sprache verwenden, Hashtags mit Binnen-Großschreibung schreiben und Emojis sparsam einsetzen.
KI und automatische Funktionen
Automatische Untertitel oder Bildbeschreibungen können helfen, ersetzen aber keine bewusste barrierefreie Gestaltung.
Unser Appell
Wer Inhalte barrierefrei gestaltet, erreicht mehr Menschen und stärkt digitale Teilhabe. Eine ausführliche Anleitung stellt der DBSV bereit auf https://www.dbsv.org/bildbeschreibung-4-regeln.html (öffnet in neuem Fenster).
4.4 Das BFSG verständlich erklärt
Warum Barrierefreiheit auch gesetzlich wichtig wird
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) soll dazu beitragen, digitale Produkte und Dienstleistungen barrierefreier zu gestalten und Teilhabe zu verbessern.
Welche Bereiche betroffen sind
Dazu gehören unter anderem Webseiten, Apps, Online-Shops, Bankdienstleistungen, elektronische Buchungssysteme, Selbstbedienungsterminals, Geldautomaten, Fahrkartenautomaten und bestimmte Kommunikationsdienste.
Kritik und Herausforderungen
Das Gesetz ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig gibt es Ausnahmen und offene Fragen bei der praktischen Umsetzung. Barrierefreiheit darf nicht vom guten Willen einzelner Anbieter abhängen.
Unser Appell
Teilhabe darf nicht vom Sehvermögen abhängen. Digitale Angebote sollten allen Menschen offenstehen. Retina plus teilt die Kritik am BFSG: zu lange Übergangsfristen, großzügige Ausnahmeregelung und Schlupflöcher führen dazu, dass Barrierefreiheit für viele Betreiber freiwillig bleibt. Auf der anderen Seite kritisieren Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft die vielen rechtlich schwammigen Formulierungen im Gesetz und befürchten Abmahnwellen durch Konkurrenten oder sogenannte Abmahnvereine. Ähnlich wie bei der Einführung der DSGVO könnten diese versuchen, aus einer eigentlich sinnvollen und wertvollen Regelung Profit zu schlagen.
4.5 PDFs und Dokumente barrierefrei gestalten
Informationen müssen für alle zugänglich sein
PDF-Dokumente wie Flyer, Formulare, Broschüren, Programme oder Anträge sind oft schwer oder gar nicht nutzbar, wenn sie nicht barrierefrei gestaltet wurden.
Häufige Barrieren
Eingescannte PDFs, fehlende Struktur, schlechte Lesbarkeit, Bilder ohne Beschreibung, komplexe Tabellen und rein farbliche Informationen.
Was barrierefreie Dokumente auszeichnet
Klare Überschriften, gute Lesbarkeit, Alternativtexte, verständliche Sprache, korrekte Tags, logische Lesereihenfolge und barrierefreie Vorlagen.
Unser Appell
Informationen müssen für alle Menschen erreichbar sein. Barrierefreie Dokumente schaffen digitale Teilhabe und Selbstständigkeit. Wie man barrierefreie word-Dokumente, PowerPoint-Folien und vieles mehr erstellt, können Interessierte nachlesen auf https://dvbs-online.de/veroeffentlichungen/leitfaeden (öffnet in neuem Fenster).
4.6 KI und Barrierefreiheit
Chancen und Herausforderungen neuer Technologien
Künstliche Intelligenz kann Menschen mit Sehverlust unterstützen: durch Vorlesefunktionen, Texterkennung, Bildbeschreibungen, Navigation, Sprachsteuerung, Objekterkennung oder digitale Assistenzsysteme.
Chancen
Sprachassistenten, automatische Bildbeschreibungen und Orientierungshilfen können Informationen schneller zugänglich machen und Selbstständigkeit fördern.
Risiken
KI schafft nicht automatisch Teilhabe. Probleme entstehen durch komplizierte Bedienung, fehlende Barrierefreiheit, unklare Navigation/Prompts oder unzuverlässige automatische Funktionen.
Unser Appell
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz dürfen niemanden ausschließen. Technik sollte Teilhabe ermöglichen und nicht etwa neue Barrieren schaffen. Geben Sie den Entwicklerinnen und Entwicklern Feedback. Melden Sie Barrieren wie einen unzureichenden Kontrast oder fehlende Alternativtexte. Nutzen Sie die Bewertungs-/Rezensionsfunktionen. Es gibt auch Testing-Agenturen und Usability-Agenturen, die im Auftrag von Unternehmen die Barrierefreiheit von Apps testen. Auch Betroffene können daran mitwirken. Der DBSV betreibt etwa einen Usability-Pool und vermittelt Personen an Unternehmen, die ihre Online-Präsenz testen lassen wollen. Weitere Plattformen sind team-usability.de und www.usabilityfueralle.com .
5. Gesundheitswesen
5.1 Barrierefreie Arztpraxen
Gute medizinische Versorgung muss für alle zugänglich sein
Arztbesuche können für Menschen mit Sehverlust bereits bei der Terminvergabe durch digitale Anmeldesysteme, der Anreise oder im Wartebereich mit Barrieren verbunden sein.
Orientierung und Kommunikation
Wichtig sind: klare Wegeführung, kontrastreiche Beschilderung, blendfreie Beleuchtung, akustische Informationen, gut lesbare Unterlagen und verständliche Kommunikation. Oft sind Informationen (z. B. Aushänge) für sehbeeinträchtigte Menschen schon dann deutlich zugänglicher, wenn eine größere und serifenlose (barrierefreie) Schrift benutzt wird. Eine Maßnahme, die keine Kosten verursacht.
Digitale Gesundheitsangebote mitdenken
Online-Termine, digitale Formulare, ePA, E-Rezept und Gesundheits-Apps müssen barrierefrei gestaltet werden.
Unser Appell
Gute Gesundheitsversorgung muss für alle erreichbar sein. Barrierefreiheit stärkt Teilhabe, Sicherheit und Selbstbestimmung. Mehr Barrierefreiheit ist oft schon durch einfache Maßnahmen möglich. Viele Hersteller bieten Produkte an, die ein Nachrüsten im Bestand ermöglichen. Ein Taktiles Leitsystem kann in vielen Fällen demontiert und bei einem Praxisumzug wiederverwendet werden. Unverständlich bleibt, warum der Gesetzgeber keine verbindliche gesetzliche Pflicht zur Nachrüstung vorschreibt und warum das BFSG nicht auch Arztpraxen stärker in die Pflicht nimmt. In Deutschland sind laut Regierungsangaben nur etwa ein Drittel der Praxen teilweise barrierefrei. Retina plus fordert die Umsetzung des Aktionplans für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitssystem, den die Regierungskoalition 2024 veröffentlicht hat, nachzulesen auf https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/A/Aktionsplan/Aktionsplan_barrierefreies_Gesundheitswesen_2024.pdf (öffnet in neuem Fenster).
Tipp: Soll ein Anamnesebogen ausgefüllt werden, fragen Sie danach, ob Ihnen dieser (digital, barrierefrei) zugeschickt werden kann. So haben Sie die Möglichkeit, die Fragen zu Hause in Ruhe zu beantworten und ggfs. Unterstützung/Assistenz hinzuzuziehen. Das bedeutet deutlich weniger Stress am Behandlungstag.
5.2 Digitale Gesundheitsangebote
ePA, E-Rezept, Gesundheits-Apps und digitale Teilhabe
Die Gesundheitsversorgung wird digitaler. Digitale Angebote können Wege vereinfachen, Informationen schneller verfügbar machen und Kommunikation verbessern – aber nur, wenn sie barrierefrei sind.
Wichtige Anforderungen
Gute Kontraste, klare Navigation, Vorlesefunktionen, verständliche Sprache, Datenschutz, Transparenz und einfache Bedienung.
Ältere Menschen mitdenken
Gerade ältere Menschen sind häufig von Sehverlust betroffen und zugleich unsicher im Umgang mit digitalen Anwendungen.
Unser Appell
Gesundheitsversorgung muss auch im digitalen Raum für alle erreichbar bleiben. Arbeiten Sie in einer Arztpraxis? Pflegen Sie Inhalte auf einer Praxiswebsite ein? Verschiedene Anbieter wie z. B. die Aktion Mensch stellen kostenfreie Tools bereit, mit denen sich die Barrierefreiheit einer Website überprüfen lässt: https://www.aktion-mensch.de/inklusion/barrierefreiheit/barrierefreie-website/wie-barrierefrei-ist-meine-website-test (öffnet in neuem Fenster). Informieren Sie leicht auffindbar auf Ihrer Website über Ihre barrierefreien Angebote. Damit ist die erste Hürde bereits vermieden worden, denn Patientinnen und Patienten müssen Infos zur Barrierefreiheit in Praxen oft mühsam erfragen. Nebenbei sorgen Sie so für Entlastung bei der Telefonannahme. Denken Sie auch daran, den Anreiseweg mit dem ÖPNV zu beschreiben.
5.3 Barrierefreie Senioreneinrichtungen
Selbstbestimmung und Orientierung im Alter
Viele Menschen entwickeln Seheinschränkungen erst im höheren Lebensalter. Senioreneinrichtungen sollten so gestaltet sein, dass Menschen mit Sehverlust sicher, selbstständig und möglichst selbstbestimmt leben können.
Wichtige Maßnahmen
Gute Beleuchtung, kontrastreiche Gestaltung, klare Wegeführung, gut erkennbare Zimmernummern, sichere Laufwege, gut lesbare Informationen und sensibilisierte Mitarbeitende.
Gemeinschaft und Teilhabe
Gemeinschaftsbereiche, Veranstaltungen und Freizeitangebote sollten für Menschen mit Sehverlust zugänglich sein.
Unser Appell
Barrierefreiheit bedeutet Lebensqualität. Gerade im Alter dürfen Orientierung und Teilhabe nicht verloren gehen. Verständnis entsteht, wenn man sich in die Situation seheingeschränkter Menschen zu versetzen versucht. Orientierung bietet der Ratgeber „Sehen im Alter“, der für den Download bereitsteht auf https://www.bagso.de/publikationen/ratgeber/sehen-im-alter-lebensqualitaet-erhalten (öffnet in neuem Fenster). Etwas älter ist die Broschüre „Sehbehinderte Menschen in Alterseinrichtungen“ des DBSV, die heruntergeladen werden kann auf https://www.dbsv.org/broschueren.html#uebersicht (öffnet in neuem Fenster). Ein Selbstversuch mit Simulationsbrillen verschiedener Augenerkrankungen wirkt bei einer Schulung von Mitarbeitenden oft Wunder. Sie bestehen aus einem Gestell aus Pappe und einer bedruckten Folie und sind von zahlreichen Anbietern zu einem geringen Betrag erhältlich.
5.4 Selbsthilfefreundliche Krankenhäuser
Gute Versorgung braucht Orientierung und Teilhabe
Krankenhäuser sind komplexe Gebäude. Für Menschen mit Sehverlust entstehen Barrieren durch lange Flure, unübersichtliche Wege, ähnliche Türen, schlechte Beleuchtung, fehlende Kontraste, komplizierte Beschilderung oder visuelle Aufrufsysteme.
Selbsthilfe schafft Orientierung
Selbsthilfeorganisationen kennen die Herausforderungen betroffener Menschen und geben praktische Informationen und ihre Erfahrungen gern weiter. Das Netzwerk Selbsthilfefreundlichkeit und Patientenorientierung im Gesundheitswesen (öffnet in neuem Fenster)informiert dazu auf https://www.selbsthilfefreundlichkeit.de (öffnet in neuem Fenster).
Selbsthilfefreundliche Krankenhäuser beziehen Betroffene ein, verbessern Informationen, erkennen Barrieren und machen Unterstützungsangebote sichtbarer.
Unser Appell
Gute medizinische Versorgung braucht Teilhabe und Selbstbestimmung. Gehen Sie als Patientin oder Patient offen mit Ihrer Seheinschränkung um. Teilen Sie mit, was Sie sehen und was Sie nicht sehen. Retina plus setzt sich dafür ein, dass der Umgang mit seheingeschränkten und blinden Menschen Teil der Ausbildung wird. Für den Umgang mit Betroffenen können Sie den Ratgeber des DBSV „Nicht so – sondern so“ weiterempfehlen, der als PDF für den Download bereitsteht auf https://www.dbsv.org/broschueren.html#umgang (öffnet in neuem Fenster).
6. Kultur, Freizeit und Tourismus
6.1 Barrierefrei ins Museum
Kultur sollte für alle zugänglich sein
Museen schaffen Bildung, Begegnung und kulturelle Teilhabe. Für Menschen mit Sehverlust entstehen Hindernisse durch schlecht lesbare Beschilderungen, unzureichende Beleuchtung, fehlende Orientierung, kleine Schrift, unzugängliche Medienstationen oder rein visuelle Vermittlung.
Kultur mit mehreren Sinnen erleben
Kultur kann über Hören, Tasten, Sprache, Atmosphäre und interaktive Vermittlung erfahrbar werden.
Appell an Museen
Fragen Sie Betroffene. Kontaktieren Sie Retina plus, wenn Sie Fragen zur Barrierefreiheit haben oder Beratung benötigen.
Unser Appell
Kulturelle Teilhabe sollte für alle Menschen selbstverständlich sein. Informieren Sie sich vorab. Eine Übersicht findet sich unter anderem auf https://www.aktion-mensch.de/inklusion/bildung/impulse/barrierefreiheit/linkliste/barrierefreie-museen (öffnet in neuem Fenster).
6.2 Spezielle Führungen und Angebote
Kultur mit allen Sinnen erleben
Spezielle Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen umfassen inklusive Führungen, Tastangebote, Audiodeskriptionen, Hörführungen, taktile Modelle oder multisensorische Vermittlung.
Hörbare Bildbeschreibungen
Kunstwerke, Räume, Objekte oder Szenen werden anschaulich beschrieben. So entstehen innere Bilder und ein besseres Verständnis.
„Bei Anruf Kultur“
Telefonische Kulturvermittlung funktioniert als besonders niederschwelliger Zugang, der gerade für ältere Menschen oft einfacher als Apps oder Videokonferenzen genutzt werden kann. Das Projekt „Bei Anruf Kultur“ (https://www.beianrufkultur.de/programm (öffnet in neuem Fenster)) hat gezeigt, wie es funktionieren kann. Das Projekt ermöglicht live über das Telefon vermittelte Kultur- und Museumsführungen. Die Anmeldung ist für Nutzerinnen und Nutzer kostenfrei. Speziell ausgebildete Guides führen durch das Programm. Fragerunden ermöglichen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, Feedback zu geben und Unklarheiten zu klären. Leider ist die Anschlussfinanzierung des drei Jahre lang von der Aktion Mensch geförderten Projekts ab dem 31. Oktober 2026 ungewiss.
Unser Appell
Kultur sollte von allen Menschen erlebt werden können, unabhängig von Sehvermögen, Wohnort, Mobilität und Einkommen. Als Vertreterin oder Vertreter eines Unternehmens haben Sie vielleicht schon darüber nachgedacht, sich stärker im Bereich Kultur zu engagieren. Wie wäre es mit „Bei Anruf Kultur“? Potenzielle Förderpartner treffen auf ein Projekt, das in Deutschland einzigartig ist und funktioniert. Oft sind die Veranstaltungen auf Wochen im Voraus ausgebucht. Zudem wird eine beachtliche Vielfalt an Themen angeboten. Kulturbetriebe aus dem gesamten Bundesgebiet machen mit.
6.3 Barrierefreier Tourismus: Reisen mit Sehverlust
Reisen sollte für alle möglich sein
Reisen bedeutet Erholung, Freiheit und Teilhabe. Für Menschen mit Sehverlust entstehen Herausforderungen durch unübersichtliche Bahnhöfe, fehlende Orientierung, unzugängliche Informationen, komplizierte Buchungssysteme oder unsichere Wegeführung.
Reiseinfos zugänglich machen
Barrierefreie Websites, verständliche Informationen, Audiobeschreibungen, große Schrift, gute Kontraste und klare Orientierung machen die Suche nach Informationen für alle Nutzerinnen und Nutzer komfortabler. Es gibt spezialisierte Reiseveranstalter für barrierefreies Reisen und Datenbanken, die Infos zu barrierefreien Angeboten sammeln. Eines der bekanntesten ist die Website https://reisen-fuer-alle.de (öffnet in neuem Fenster), die von der Bayern Tourist GmbH betrieben wird, in Konzession des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz.
Wichtige Fragen bei der Planung
Wie gestaltet sich die Anreise? Sind dazu barrierefreie Informationen verfügbar? Bieten Wege (z. B. auf in einer Ferienanlage eine einfache Orientierung? Sind Wege und Zimmer gut ausgeleuchtet? Können Blendungen vermieden werden (z. B. durch Dimmer oder bewegliche Leuchten)? Gibt es Unterstützung in Form von Assistenz (z. B. am Buffet)? Funktionieren barrierefreie Apps oder Online-Buchungssysteme (Website)?
Unser Appell
Mobilität bedeutet Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn Sie Reisen oder Übernachtungen anbieten, sollten Sie darüber nachdenken, Ihr Angebot für seheingeschränkte, blinde und ältere Menschen zu öffnen. Für den Einstieg sind oft nur wenige Maßnahmen erforderlich, um diesen Zielgruppen eine eigenständige Planung zu ermöglichen. Wenn Sie Fragen haben, melden Sie sich einfach bei uns. Retina plus hilft Ihnen gern weiter. Ihr Angebot können Sie z. B. auf reisen-fuer-alle.de registrieren und zertifizieren lassen.
7. Veranstaltungen
7.1 Veranstaltungen inklusiv planen
Teilhabe beginnt bei der Organisation
Veranstaltungen bringen Menschen zusammen. Damit möglichst alle teilnehmen können, sollten sie barrierefrei und inklusiv geplant werden.
Vor der Veranstaltung
Einladung, Webseite, Anmeldung und Informationen sollten barrierefrei, gut lesbar, verständlich und klar strukturiert sein.
Vor Ort
Wichtig sind klare Wegeführung, gute Beleuchtung, verständliche Akustik, freie Laufwege, barrierefreie Präsentationen und Rücksicht bei Kommunikation.
Unser Appell
Begegnung und Austausch sollten allen Menschen offenstehen. Checklisten helfen, wichtige Aspekte frühzeitig zu planen: Einladung, Anmeldung, Veranstaltungsort, Orientierung, Beleuchtung, Akustik, Präsentationen, Dokumente und digitale Formate. Nutzen Sie die zahlreich im Netz bereitgestellten Leitfäden und Checklisten, z. B. auf
7.2 Kommunikation und Moderation
Verständliche Kommunikation schafft Teilhabe
Barrierefreiheit bedeutet auch, Wissen und Informationen so zu vermitteln, dass Menschen sie verstehen, sich orientieren können und sich einbezogen fühlen.
Sichtbares auch beschreiben
Präsentationen, Diagramme, Bilder, Gesten oder Hinweise im Raum sollten verbal beschrieben werden: „Auf der Folie sehen Sie ...“, „Die Grafik zeigt ...“, „Der Eingang befindet sich rechts neben der Treppe“.
Gute Moderation
Eine strukturierte Gesprächsleitung, die Themen ankündigt, Sprecherinnen und Sprecher vorstellt, Wortmeldungen benennt und Abläufe erklärt, verbessert die Orientierung für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Unser Appell
Teilhabe beginnt dort, wo Informationen verstanden und sich Menschen einbezogen fühlen. Nutzen Sie Moderationshinweise und Checklisten, die bereitgestellt werden, z. B. auf
7.3 Barrierefreie Präsentationen
Wichtig sind:
- große, gut lesbare Schrift
- starke Kontraste
- wenig Text pro Folie
- klare Überschriften
- Bilder und Diagramme verbal beschreiben
- keine rein farblichen Informationen
- barrierefreie PDF- oder PowerPoint-Dateien bereitstellen
- Vortrag langsam, strukturiert und mit Erklärung visueller Inhalte halten
Quelle: https://leserlich.info (öffnet in neuem Fenster)
Quelle: https://dvbs-online.de/veroeffentlichungen/leitfaeden (öffnet in neuem Fenster)
8. Sicherheit im Krisenfall
8.1 Barrierefreiheit bei Katastrophen und Krisen
Sicherheit muss für alle zugänglich sein
Krisen, Unwetter, Stromausfälle oder Katastrophen stellen alle Menschen vor Herausforderungen. Für Menschen mit Sehverlust entstehen zusätzliche Risiken, wenn Warnungen nur visuell sind, Wege unübersichtlich werden oder Informationen nicht barrierefrei sind.
Warnungen müssen alle erreichen
Warnsysteme sollten akustische Informationen, Sprachausgabe, Vibrationssignale und barrierefreie Apps bieten. Das Zwei-Sinne-Prinzip ist im Katastrophenschutz besonders wichtig.
Vorbereitung hilft
Persönliche Notfallpläne, wichtige Kontakte, barrierefreie Informationsquellen, Orientierungshilfen und Unterstützungsnetzwerke schaffen Sicherheit.
Unser Appell
Sicherheit und Schutz müssen allen Menschen gleichermaßen offenstehen. Dabei besteht erheblicher Nachholbedarf, wie etwa die Ergebnisse der KIM-Studie gezeigt haben. KIM steht für „Bestandsaufnahme zum Katastrophenmanagement und der Inklusion von Menschen mit Behinderungen“. Die Bundesnotruf-App „nora“ wurde primär für Menschen mit Hör- und Sprachbeeinträchtigung entwickelt und stand von Beginn an in der Kritik bezüglich der Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit (https://uni-tuebingen.de/de/255656 (öffnet in neuem Fenster)). Viele raten mittlerweile dazu, in einem Notfall die 110 oder 112 zu wählen. Das kann per Sprachbefehl geschehen “Hey Siri, wähle den Notruf” oder bei den meisten Smartphones durch 5-maliges schnelles Drücken der Powertaste (Ein-/Ausschalter). Danach wird zunächst ein Countdown und dann ein lauter Warnton aktiviert. Das Gerät wählt anschließend automatisch den Notruf 112. Beim iPhone wird standardmäßig der Notruf über das Gedrückthalten der Ein-/Austaste bei gleichzeitigem Gedrückthalten einer der Lautstärketasten aktiviert. Das 5-malige schnelle Drücken muss im Menü erst eingeschaltet werden “Einstellungen → Notruf SOS”.
9. Hilfsmittel und Technik
9.1 Technik und Barrierefreiheit
9.1 Technik und Barrierefreiheit
Selbstständigkeit durch Unterstützung
Hilfsmittel und technische Lösungen können Menschen mit Sehverlust beim Lesen, bei Orientierung, digitaler Nutzung, Kommunikation und unterwegs unterstützen.
Unterschiedliche Bedürfnisse
Manche Menschen benötigen Kontraste, größere Schrift, bessere Beleuchtung oder Vergrößerungsfunktionen. Andere nutzen Sprachausgabe, Screenreader, taktile Orientierung oder Langstock.
Technik ersetzt keine Barrierefreiheit
Hilfsmittel können schlechte Orientierung, unzugängliche Webseiten, fehlende Kontraste oder blockierte Wege nicht vollständig ausgleichen.
Unser Appell
Technik sollte Teilhabe ermöglichen und nicht etwa neue Barrieren schaffen.
9.2 Barrierefreie Haushaltsgeräte
Technik im Alltag muss nutzbar bleiben
Haushaltsgeräte werden immer häufiger über Touchscreens, Apps, Sensorfelder oder Displays gesteuert. Für Menschen mit Sehverlust entstehen dadurch neue Barrieren.
Häufige Probleme
Glatte Touchflächen, spiegelnde Displays, kleine Anzeigen, komplizierte Menüs, schlechte Kontraste, fehlende Sprachausgabe und fehlende taktile Orientierung können gerade bei Haushaltsgeräten zu gefährlichen Situationen führen.
Was barrierefreie Geräte auszeichnet
Fühlbare Tasten, kontrastreiche Anzeigen, große Schrift, akustische Rückmeldungen, Sprachausgabe, einfache Menüführung und blendfreie Displays. Es gibt Hersteller, die Haushaltsgeräte wie Waschmaschine oder Backofen mit einer Sprachsteuerung nachrüsten. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist möglich. Für Kochfelder gibt es Schablonen, die sich dadurch sicherer bedienen lassen. Schnelle Hilfe: Es ist möglich, Geräte mithilfe von selbstklebenden Markierungspunkten aus Silikon oder Kunststoff barrierefreier zu machen. Diese sind im Handel zu einem kleinen Preis erhältlich und lassen sich in der Regel auch wieder rückstandsfrei entfernen.
Unser Appell
Technik sollte Menschen unterstützen, nicht ausschließen. Die Anforderungen für Menschen mit Beeinträchtigungen müssen von Beginn an mitgedacht werden. Dann müssen keine Sonderlösungen im Nachhinein implementiert werden, die oft teuer und selten intuitiv sind. Auch hier ist das Zwei-Sinne-Prinzip sinnvoll: Warum kombinieren Hersteller bei einem Kochfeld nicht akustische Signale mit Drucktasten und drehbaren Schaltern? Wenn Hersteller der Ansicht sind, dass sich ihre Produkte mit Touchoberflächen besser verkaufen, spricht nichts dagegen, dieses zusätzlich zu integrieren. Die Kundin oder der Kunde kann dann selbst entscheiden, wie das Gerät bedient werden soll. Es gibt Hersteller, die diese Produkte anbieten, aber es sind nur wenige (z. B. Gaggenau, Bora, Miele). Zudem bleiben echte Drehschalter und massive mechanische Steuerungselemente oft den Premium-Linien vorbehalten.
10. Umfeld-Check
10.1 Check dein Umfeld auf Barrieren
Barrieren sichtbar machen
Viele Barrieren bleiben im Alltag unsichtbar - zumindest für Menschen, die nicht selbst betroffen sind. Mit offenen Augen durch die eigene Umgebung zu gehen, hilft, Barrieren besser zu erkennen.
Ein Perspektivwechsel hilft
Achten Sie bewusst auf zu kleine Schrift, schlechte Kontraste, Blendung, zugestellte Gehwege, fehlende akustische Informationen, unübersichtliche Touchscreens oder komplizierte Webseiten.
Kleine Veränderungen helfen
Wege freihalten, Kontraste schaffen, Informationen verständlich gestalten, Leitsysteme respektieren, Hindernisse absichern und digitale Angebote zugänglich machen.
Unser Appell
Eine inklusive Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen aufeinander achten.
10.2 Mitmachen und Barrieren melden
Gemeinsam Barrieren sichtbar machen
Viele Barrieren entstehen unbemerkt: zugestellte Gehwege, fehlende Kontraste, unzugängliche Webseiten, schlecht lesbare Displays oder fehlende Orientierung.
Welche Barrieren gemeldet werden können
Blockierte Leitsysteme, abgestellte E-Scooter, schlecht erkennbare Treppen, fehlende akustische Signale, blendende Touchscreens, unzugängliche Webseiten, problematische Apps, fehlende Beschilderung oder gefährliche Hindernisse.
Barrieren dokumentieren
Hilfreich sind Beschreibung des Problems, Ort, Beispiele und Verbesserungsvorschläge.
Unser Appell
Jede Barriere, die verschwindet, schafft mehr Teilhabe. Inklusion gelingt am besten gemeinsam. Barrierefreiheit braucht Austausch, Beteiligung und gesellschaftliches Engagement. Wenn Ihnen Barrieren begegnen, teilen Sie diese. Der DBSV bietet dazu auf https://www.dbsv.org/digitale-barrieren-melden.html (öffnet in neuem Fenster) eine gute Übersicht an.
11. Beratung und Netzwerk
11.1 Beratung und Netzwerk
Gemeinsam Barrieren abbauen
Barrierefreiheit gelingt am besten gemeinsam. Retina plus engagiert sich in Netzwerken und arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen, um die Perspektive von Menschen mit Sehverlust stärker einzubringen.
Retina plus und EDAD
Retina plus ist Mitglied im Kompetenznetzwerk EDAD – Design für Alle Deutschland e. V. Gemeinsam setzen wir uns für inklusive Gestaltung, bessere Teilhabe und mehr Bewusstsein für Barrierefreiheit ein.
Rat für Inklusion
Über EDAD kann Retina plus die Perspektive von Menschen mit Sehverlust auch bei Designfragen und im Rahmen gesellschaftspolitischer Diskussionen einbringen.
Wichtige Quellen und Anlaufstellen
Zu nennen sind etwa die Bundesfachstelle Barrierefreiheit, der DBSV, der DVBS, EDAD, die Landesfachstellen, Digital-Kompass, BAGSO und regionale Beratungsangeboten.
Quelle: https://www.design-fuer-alle.de (öffnet in neuem Fenster)
Quelle: https://www.digital-kompass.de (öffnet in neuem Fenster)